Leukämien
Leukämien sind maligne Erkrankungen des blutbildenden Systems, die durch eine unkontrollierte Vermehrung entarteter hämatopoetischer Zellen im Knochenmark gekennzeichnet sind.
=> leukämische Zellen:
- verdrängen die normlae Blutbildung
- erscheinen häufig im peripheren Blut
- sind funktionelle nicht oder nur eingeschränkt leistungsfähig
Tabelle
Patophysiologisches Grundprinzip
- maligne Transformation einer hämatopoetischen Verläuferzelle
- Verlust der normalen Reifung (Differenzierungsstop)
- unkontrollierte Zellvermehrung
- Verdrängung der gesunden Hämatopoese
Ergebnis:
- Anämie
- Thrombozytopenie
- Infektanfälligkeit
Akut vs. chronische Leukämien
Akute Leukämien
- rascher Krankheitsbeginn
- Blasten dominieren
- unbehandelt lebensbedrohlich
=> Beispiele:
- akute myeolische Leukämie (AML)
- akute lymphatische Leukämie (ALL)
Chronische Leukämien
- langsamer Verlauf
- Zellen wirken reifer, aber funktionell gestört
- oft Zufallsbefund im Blutbild
=> Beispiele:
- chronische myeloische Leukämie (CML)
- chronisch lymphatische Leukämie (CLL)
Vergleich myeloisch & lymphatisch Leukämien
Myeloisch
- Granulozytnvorstufen
- Monozyten
- Megakaryozyten
Lymphatisch
- B- oder T.Lymphozyten
Wichtig: ALL und CLL sind zwar lymphatisch, werden aber dennoch zu den Leukämien und nicht zu den Lymphomen gezählt (CLL ist eine Sonderform).
Klinische Leitsymptome
Durch Knochenmarksversagen:
- Müdigkeit (Anämie)
- Blutungen (Thrombozyten)
- Infekte (Leukopenie)
Leukämiespezifisch:
- Fieber
- Nachtschweiß
- Gewichtsverlust
- Knochenschmerzen
Blutbild
Tabelle
Achtung: Leukämie kann auch mit normalen oder niedrigen Leukozyten einhergehen!
Blasten
Morphologische Merkmale von Blasten:
- großer Zellkern
- feines Chromatin
- Nukleolen sichtbar
- wenig Zytoplasma
=> Blasten im Blut sind immer abklärungsbedürftig
Rolle des Knochenmarks
– Diagnosesicherung fast immer durch:
- Knochenmarkaspirat
- ggf. Biopsie
– Bestimmung von:
- Blastengehalt
- Zelllinie
- Reifestadium
I. Akute Myeloische Leukämien
Die akute myeloische Leukämie (AML) ist eine maligne Erkrankung der myeloischen Zellreihe, bei der es zu einer unkontrollierten Vermehrung unreifer myeloischen Vorstufen (Myelopblasten) im Knochenmark vorkommt.
=> Kennzeichen:
- ≥20% Myeloblasten im Knochenmark und Blut
- rascher Krankheitsverlauf
- hämatologischer Notfall
Epidemiologie
- häufigste akute Leukämieform bei Erwachsenen
- mittlere Erkrankungsalter: ca. 65-70 Jahre alt
Patophysiologie
- genetische Veränderungen in myeloischen Vorläuferzellen
- Differenzierungsstopp auf Blastenniveau
- unkontrollierte Proliferation
- Verdrängung der normalen Hämatopoese
=> Folgen:
- Anämie
- Thrombozytopenie
- funktionelle Leukopenie
Blutbild
Tabelle
Morphologie der Myeloblasten
Typische Merkmale:
- große Zellen
- hohes Kern-Zytoplasma-Verhältnis
- feines, lockeres Chromatin
- 1-4 deutliche Nukleolen
- mäßig basophiles Zytoplasma
Auerstäbchen – hochspezisch!
- nadelförmige, rotviolette Einschlüsse
- bestehen aus fusionierten azurophilen Granula
- pathognomonisch für myeolische Leukämien
FAB-Klassifikation der ALL
Tabelle
II. Akute Lymphatische Leukämien
Die akute lymphatische Leukämie (ALL) ist eine maligne Erkrankung der lymphatischen Zellreihe, bei der es zu einer unkontrollierten Vermehrung unreifer lymphatischer Vorstufen (Lymphoblasten) im Kochenmark kommt.
=> Kennzeichen:
- ≥20% Lymphoblasten im Knochenmark oder Blut
- rascher Krankheitsbeginn
- hämatologischer Notfall
Epidemiologie:
- häufigste akute Leukämie im Kindesalter
- kann in jedem Lebensalter auftreten
Patophysiologie
- genetische Veränderungen in lymphatischen Vorläuferzellen
- Differenzierungsstopp auf Blastenniveau
- massive Proliferation funktionsloser Zellen
- Verdrängung der normalen Hämatopoese
- meist B-Zelllinie
=> Folgen:
- Anämie
- Thrombozytopenie
- funktionelle Leukopenie
Blutbild
Tabelle
Morphologie der Lymphoblasten
- meist kleiner als Myeloblasten
- hoher Kern-Zytoplasma-Quotient
- dichteres Chromatin
- Nukleolen klein oder fehlend
- keine Granula
- keine Auerstäbchen
FAB-Klassifikation der ALL
Tabelle
III. Chronisch Myeloische Leukämien
Die chronische myeloische Leukämie (CML) ist eine maligne Erkrankung der myeloischen Stammzelle, die durch eine unkontrollierte Vermehrung reifer und unreifer myeloischen Zellen gekennzeichnet ist.
=> Kennzeichen:
- stark erhöhte Leukozytenzahl
- vollständige Reifungsreihe im Blut
- spezifische genetische Ursache (Philadelphia-Chromosom)
Einordnung
- gehört zu den chronischen Leukämien
- zählt zu den myeloproliferativen Neoplasien (MPN)
- betrifft alle myeloischen Zellreihen, v.a. Granulozyten
=> Abgrenzung: CML ≠ akute Leukämie, kann aber in eine Blastenkrise übergehen!
Epidemiologie
- mittleres Erkrankungsalter: ca. 50-60 Jahre alt
- Inidenz: ca. 1-2/100.000 pro Jahr
Patophysiologie
Philadelphia-Chromosom (Ph)
- reziproke Translokation: t(9;22)(q34;q11)
- führt zur Bildung des BCR-ABL-Fusionsgen
Ergebnis
- konstitutiv aktive Tyrosinkinase
- unkontrollierte Zellproliferation
- verlängertes Überleben der Zellen
Krankheitsphase der CML
Chronische Phase
- dauert Monate bis Jahre
- Patienten oft relativ beschwerdearm
- Therapie sehr gut wirksam
Akzelerierte Phase
- zunehmende Therapieresistenz
- steigender Blastenanteil
- zunehmende Zytopenien
Blastenkrise
- ≥20% Blasten
- klinisch wie akute Leukämie
- sehr schlechte Prognose
Butbild
Tabelle
Basophilie ist ein Leitsinal der CML!
IV. Chronisch Lymphatische Leukämie
Die chronisch lymphatische Leukämie (CLL) ist eine maligne Erkrankung reifer B-Lymphozyten, die sich durch eine langsame klonale Vermehrung funktionsgestörter Lymphozyten im Blut, Knochenmark und lymphatisches Gewebe auszeichnet.
=> Es handelt sich nicht um Blasten, sondern um reif aussehende, aber immunologisch defekter Lymphozyten
Einordnung
- gehört zu den chronischen Leukämien
- lymphatische Zellreihe (B-Zellen)
- zählt zu den indolenten (langsam verlaufende) Neoplasien
- Übergang zwischen Leukämie und Lymphom (klinisch), laborseitig klare Leukämie
Epidemiologie
- häufigste Leukämie im Erwachsenenalter
- Erkrankungsalter meist > 60 Jahre
- Männer häufiger betroffen als Frauen
Patophysiologie
- klonale Expansion reifer B-Lymphozyten
- verlängertes Überleben (Apoptosehemmung)
- Anreicherung im: Blut, Knochenmark, Lymphknoten & Milz
=> Problem ist nicht Überproduktion, sondern fehlender Zellabbau
Blutbild
Tabelle
=> absolute Lymphozytose ist das Kernmerkmal!
Lymphozyten-Morphologie
Typische Merkmale:
- klein bis mittelgroß
- runder Zellkern
- dichtes, grob verklumptes Chromatin
- schmaler Zytoplasmasaum
- keine Nukleolen
=> Zellen wirken „reif“, aber funktionell defekt
Lymphome
Lymphome sind maligne Erkrankungen des lymphatischen Systems, die aus entarteten B- ,T- oder NK-Lymphozyten hervorgehen und sich primär manifestieren in:
- Lymphknoten, Milz, Knochenmark & extranodalen Organen
=> im Gegensatz zu Leukämien stehen solide lymphatische Gewebe im Vordergrund
Abgrenzung Leukämie & Lymphome
Tabelle
Wichtig: Einige Erkrankungen (z.B. CLL) stehen zwischen Leukämie und Lymphom
Kurzüberblick – lymphatisches System
Bestandteile:
- Lymphknoten, Milz, Thymus, lymphatisches Gewebe & Knochenmark
Funktion:
- Immunabwehr, Antikörperbildung & Immunregulation
Patophysiologie
- genetische Veränderung eines Lymphozyten
- Verlust der normalen Apoptose
- klonale Vermehrung
- Akkumulation im lymphatischen Gewebe
Folge:
- Lymphknotenschwellung
- Organverdrängung
- Immunfunktionsstörung
Hauptklassifikation der Lymphome
Zwei große Gruppen:
- Hodgkin-Lymphom (HL)
- Non-Hodgkin-Lymphom (NHL)
Tabelle
Klinische Leitsymptome
Lokale Symptome
- schmerzlose Lymphknotenschwellung
- Splenomegalie
- Mediastinaltumor
Allgemeinsymptome („B-Symptomatik“)
- Fieber
- Nachtschweiß
- ungewollter Gewichtsverlust
I. Hodgkin-Lymphom
Das Hodgkin-Lymphom (HL) ist eine maligne Erkrankung des lymphatischen Systems, die sich durch das Vorhandensein charakteristischer Reed-Sternberg-Zellen (bzw. deren Varianten) auszeichnet.
=> Ohne Reed-Sternberg-Zellen kein Hodgkin-Lymphom
Einordnung
- gehört zu den malignen Lymphomen
- klar abgegrenzt von Non-Hodgkin-Lymphomen
- meist B-Zell-Ursprung
- gute bis sehr gute Prognose bei früher Diagnose
Epidemiologie
- zwei Altersgipfel: junge Erwachsene (20-35 Jahre) & ältere Menschen (>60 Jahre)
- leicht häufiger bei Männern
- relativ selten im Vergleich zu NHL
Patophysiologie
- genetische Veränderung eines B-Lymphozyten
- Entstehung der Reed-Sternberg-Zelle
- diese macht nur einen kleinen Teil der Tumormasse aus
- Großteil des Tumors besteht aus: reaktiven Lymphozyten, Plasmazellen, Eosinophilen & Fibroblasten
Reed-Sternberg-Zelle
Morphologische Merkmale:
- sehr große Zelle
- mehrkernig oder zweikernig
- große, eosinophile Nukleolen
- klassisches Bild: „Eulenaugen-Phänomen“
Ausbreitungsmuster
- kontinuierliche Ausbreitung
- von Lymphknoten zu Lymphknoten
- bevorzugt: zervikal -> mediastinal -> axillär
Klinische Symptome
Lokale Symptome
- schmerzlose Lymphknotenschwellung
- meist derb, nicht verschieblich
- häufig im Halsbereich
Allgemeinsymptome (B-Symptomatik)
- Fieber (>38°C)
- Nachtschweiß
- ungewollter Gewichtsverlust (>10%)
Blutbild
- Blutbild oft unauffällig
- mögliche Veränderungen: normozytäre Anämie, Eosinophilie, Lymphopenie, Thrombozytose bei Entzündung
II. Non-Hodgkin-Lymphom
Non-Hodgkin-Lymphome (NHL) sind eine heterogene Gruppe maligner Erkrankungen des lymphatischen Systems, die aus entarteten B-, T- oder NK-Lymphozyten hervorgehen.
=> entscheidend:
- keine Reed-Sternberg-Zellen
- sehr unterschiedliche Verläufe (harmlos ↔ hochaggressiv)
Ursprung der NHL
- B-Zell-NHL (≈85-90%)
- T-Zell-NHL
- NK-Zell-NHL (selten)
Patophysiologie
- genetische Veränderungen der Lymphozyten
- Verlust der Apoptose
- klonale Vermehrung
- Infiltration von: Lymphknoten, Knochenmark, Milz & extranodalen Organen
Folge:
- Raumforderung, Organfunktionsstörung & Immunsuffizenz
II.I. Zentrale Einteilung der NHL
Klinischer Verlauf
– indolente (niedrig-maligne) NHL
- langsames Wachstum
- oft lange symptomarm
- meist nicht heilbar, aber gut kontrollierbar
– aggressive (hoch-maligne) NHL
- rasches Wachstum
- schnelle Symptomatik
- potenziell heilbar, unbehandelt tödlich
a) Indolente Non-Hodgkin-Lymphome
Typische Vertreter:
- follikuläres Lymphom
- Marginalzonenlymphom
- lymphoplasmozytisches Lymphom
- CLL
Merkmale:
- langsamer Verlauf
- oft Zufallsbefund
- Blutbild lange unauffällig
- „watch & wait“ möglich
b) Aggressive-Non-Hodgkin-Lymphome
Typische Vertreter:
- diffus großzelliges B-Zell-Lymphom (DLBCL)
- Burkitt-Lymphom
- periphere T-Zell-Lymphome
Merkmale:
- rasche Lymphknotenschwellung
- B-Symptomatik häufig
- sofortige Therapie notwendig
Blutbild
– Blutbild kann komplett normal sein
– mögliche Veränderungen:
- Anämie
- Thrombozytopenie
- Leukopenie
- Lymphozytose
Blutausstrich
Mögliche Befunde:
- atypische Lymphozyten
- monotone Zellpopulation
- ggf. plasmazellähnliche Zellen
Klinische Symptome
Lokale Symptome
- schmerzlose Lymphknotenschwellung
- Splenomegalie
- extranodale Manifestitationen (Magen, Haut, ZNS)
Allgemeinsymptome:
- B-Symptomatik
- Leistungsknick
- Infektanfälligkeit