Eine Anämie ist eine Verminderung der Hämoglobinkonzentration im Blut unterhalb der alters- und geschlechtsspezifischen Normwerte.
=> entscheidend ist der Hämoglobinwert, nicht primär die Erythrozytenzahl
Anämien führen zu:
- verminderte Sauerstoffversorgung der Gewebe
- Leistungsabfall
- Dyspnoe
- Blässe
- Tachykardie
Ursachen – Grundprinzip:
- verminderte Bildung
- erhöhter Verlust
- verkürzte Lebensdauer der Erythrozyten
Tabelle
Einteilung der Anämien
Morphologische Einteilung (MCV)
Tabelle
Chromatische Einteilung (MCH)
Tabelle
I. Eisenmangelanämie
- mikrozytäre, hypochrome Anämie, die durch einen absoluten Eisenmangel entsteht
=> Ursache ist nicht verfügbares Eisen für Hämoglobinsynthese
Epidemiologie & Bedeutung
- häufigste Anämieform
- besonders häufig betroffen:
- Frauen im gebärfähigen Alter
- Schwangere
- Kinder
- ältere Menschen
Patophysiologie
- Eisenreserven des Körpers werden aufgebraucht
- Transport- und Funktionseisen sinken
- Hb-Synthese ist gestört
- Erythrozyten werden: kleiner (mikrozytär) und blasser (hypochrom)
Ursachen
– erhöhter Eisenverlust
- chronische Blutungen (Gastro-Intestinal-Trakt)
- Menorrhagie
– verminderte Aufnahme
- Mangelernährung
- Malabsorption (z.B.: Zöliakie)
- Gastrektomie
– erhöhter Bedarf
- Schangerschaft
- Wachstum
Klinik
- Müdigkeit
- Blässe
- Belastungsdyspnoe
- Haarausfall
- brüchige Nägel
- Mundwinkelrhagaden
Klinische Parameter
Tabelle
Blutausstrich bei Eisenmangelanämie
- Mikrozyten
- Hypochromasie
- Anisozytose
- Poikolozytose
- evtl. Target-Zellen
II. Thalassämie
Thalassämien sind hereditäre (erblich bedingte) Störungen der Hämoglobinsynthese, bei denen die Bildung von Globinketten vermindert oder fehlend ist
=> Problem ist ein Produktionsdefekt von Globinketten
Einordnung
– gehört zur Gruppe der Hämoglobinopathien
– führen zu:
- mikrozytäre, meist hypochrome Anämie
- ineffektiver Erythropoese
- verkürzte Lebensdauer Erythrozyt
Formen
– α-Thalassämie
- vermindert α-Ketten-Synthese
- 4 Gene betroffen (je 2 pro Chromosom)
– β-Thalassämie
- verminderte β-Thalassämie
- autosomal-rezessiver Erbgang
Patophysiologie
- Ungleichgewicht der Globinketten
- Präzipitation überschüssiger Ketten
- Schädigung erythroider Vorstufen
- ineffektive Erythropoese
- extramedulläre Blutzellbildung
Klinische Parameter
Tabelle
Blutausstrich bei Thalassämien
- Mikrozytose
- Poikilozytose
- Target-Zellen
- basophile Tüpfelung
III. Anämie durch Akuter Blutverlust
Die Anämie durch akuten Blutverlust entsteht durch einen plötzlichen Verlust großer Blutmengen innerhalb kurzer Zeit (Stunden bis Tage)
=> entscheidend: Hb-Abfall erfolgt zeitverzögert
Ursachen:
- extern: Trauma, Operation oder stärkere äußere Blutungen
- intern: Gastro-Intestinale-Blutungen, rupturiertes Aneurysma & gynäkologische Blutungen
Patophysiologie
1. Phase – Akuter Blutverlust
- Verlust von Plasma und Zellen
- Hb und Hk zunächst normal
- Hypovolämie im Vordergrund
2. Phase – Volumenverschiebung
- Flüssigkeit tritt aus Interstitium in Gefäßsystem
- Blut wird „verdünnt“ Hb und Hk sinken
3. Phase – Regeneration
- Knochenmark reagiert
- Retikulozytenanstieg
- Neubildung von Erythrozyten
Klinik
- Tachykardie
- Hypotonie
- Schwindel
- Blässe
- Kaltschweißigkeit
Klinische Parameter
Tabelle
Eisenstatus
- initial normal
- bei wiederholtem Blutverlust -> Eisenmangel möglich
Blutausstrich bei akutem Blutverlust
- normozytäre, normochrome Anaämie
- keine Morphologieveränderungen initial
später:
- Polychromasie
- Retikulozyten
- evtl. Anisozytose
IV. Anämie bei chronischer Erkrankung
Die Anämie bei chronischer Erkrankung ist eine meist normozytäre, normochrome Anämie, die im Rahmen chronischer Entzündungen, Infektionen oder Tumorerkrankungen auftritt.
=> Eisen ist vorhanden, aber nicht verfügbar
Bedeutung
- zweithäufigste Anämieform nach Eisenmangel
- häufig übersehen oder fehlinterpretiert
- Eisen-Gabe ist NICHT wirksam
Typische Grundrkrankungen
- chronische Infektionen
- Autoimmunerkrankungen (z.B. Rheuma)
- Tumorerkrankungen
- chronische Nierenerkrankungen
Patophysiologie
– Rolle von Hepcidin
- Entzündungszytokine (v.a. IL-6) sorgen für Anstieg von Hepcidin
- Hepcidin hemmt Eisenaufnahme im Darm
- Eisenfreisetzung aus Makrophagen
– verminderte Erythropoetin-Wirkung
– verkürzte Erythrozytenlebensdauer
– reduzierte Knochenmarksantwort
Klinische Parameter
Tabelle
Blutausstrich meist unauffällig
V. Aplastische Anämie
Die aplastische Anämie ist eine schwere Knochenmarkserkrankung bei der es zu einer globalen Verminderung der Blutbildung kommt.
=> Charakteristisch ist die Panzytopenie bei hypozellulärem Knochenmark
Erkrankung der hämatopoetischen Stammzellen betrifft alle drei Zellreihen:
- Erythrozyten
- Leukozyten
- Thrombozyten
Ursachen:
- Medikamente (z.B. Zytostatika, Chloramphenicol)
- Chemikalien (Benzin)
- ionisierende Strahlung
- Virusinfektionen (z.B. Hepatitis)
- genetische Syndrome (z.B. Fanconi-Anämie)
Klinik
- Müdikeit
- Blässe
- Dyspnoe
– durch Panzytopenie:
- Infektanfälligkeit
- Fieber
- Petechien
- Blutungsneigung
Klinische Parameter
Tabelle
VI. Vitamin-B12-Mangel
Ein Vitamin-B12-Mangel (Cobalaminmangel) führt zu einer megaloblastären, makrozytären Anämie infolge einer gestörten DNA-Synthese in der Zellteilung
=> Besonders betroffen sind: Erythrozyten-Vorstufen
Bedeutung
- relevante Ursache makrozytärer Anämien
- kann irreversible neurologische Schäden verursachen
- frühe Diagnose ist entscheidend
Physiologie von Vitamin-B12
– notwendig für:
- DNA-Synthese (Thymidinsynthese)
- Reifung der Erythrozyten
- Funktion des Nervensystems (Myelinsynthese)
Aufnahme & Stoffwechsel:
– Nahrungsquellen ausschließlich tierisch:
- Fleisch
- Fisch
- Milchprodukte
- Eier
Resorptionsweg
- Freisetzung im Magen
- Bindung an Intrinsic Factor (IF)
- Resorption im terminalen Ileum
- Transport im Blut (Transcobalamin)
Ursachen
1. Verminderte Aufnahme
- vegetarische/vegane Ernährung (langfristig)
- Alkoholismus
- Mangelernährung
2. Resorptionsstörungen
- perniziöse Anämie (IF-Mangel)
- chronische Gastritis
- Morbus Crohn
3. Erhöhter Bedarf/Verbrauch
- Schwangerschaft
- chronische Erkrankungen
Patophysiologie
- gestörte DNA-Synthese
- verzögerte Zellteilung
- Zellen wachsen weiter, teilen sich aber nicht
=> Ergebnis:
- große Vorstufen (Megaloblasten)
- ineffektive Erythropoese
- intramedullärer Zelluntergang
Klinische Parameter
Tabelle
Blutausstrich bei Vitamin-B12-Magel
- Makrozyten
- Ovalozyten
- hypersegmentierte Neutrophile (≥6 Segmente)
- Anisozytose
=> Hypersegmentierung ist ein frühes Warnzeichen
VII. Folsäure-Mangel
Der Folsäuremangel (Vitamin-B9-Mangel) führt zu einer megaloblastären, makrozytäre Anämie infolge einer gestörten DNA-Synthese
=> Ursache ist ein Mangel an Folaten, die für die Zellteilung unverzichtbar sind
Bedeutung:
- häufige Ursache makrozytärer Anämien
- tritt schneller auf als Vitamin-B12-Mangel (geringere Speicher)
- keine neurologischen Symptome (wichtige Abgrenzung!)
Physiologie der Folsäure
– notwendig für Purin- und Pyrimidinsynthese
- DNA-Replikation
- Zellteilung (v.a. Knochenmark)
Aufnahme & Stoffwechsel
– Nahrungsquellen
- grünes Blattgemüse
- Hülsenfrüchte
- Vollkornprodukte
- Leber
Resoprtion
- Jejunum
- keine Bindung an Intrinsic-Factor
- Speicherung v.a. in der Leber (nur wenige Monate!)
Ursachen
– veminderte Zufuhr
- Mangelernährung
- Alkoholismus
- ältere Menschen
– erhöhter Bedarf
- Schwangerschaft
- Stillzeit
- chronische Hämolyse
- Tumorerkrankungen
Resorptions- & Stoffwechselstörungen
- Zöliakie
- Medikamente (z.B. Methotrexat, Antikonvulsiva)
Patophysiologie
- gestörte DNA-Synthese
- verzögerte Kernreifung
- Zytoplasmareifung normal
=> Ergebnis:
- große Zellen mit unreifem Zellkern
- ineffektive Erythropoese
- intramedullärer Zelluntergang
Klinische Parameter
Tabelle
Blutausstrich bei Folsäuremangel
- Makrozyten
- Ovalozyten
- hypersegmentierte Neutrophile
- Anisozytose
VIII. Hämolytische Anämien
Eine hämolytische Anämie entsteht durch eine verkürzte Lebensdauer der Erythrozyten infolge eines vorzeitigen Abbaus (Hämolyse).
=> Erythropoese ist intakt oder gesteigert, aber kann den Verlust nicht ausgleichen
Grundprinzip Hämolyse:
– Lebensdauer Erythrozyt – 120 Tage
– bei hämolytischer Anämie:
- Lebensdauer stark verkürzt
- vermehrter Abbau -> Anämie
Formen der Hämolyse
– extravasale Hämolyse
- Abbau in Milz & Leber
- häufigste Form => typisch bei Membrandefekten & immunologischer Hämolyse
– intravasale Hämolyse
- Zerfall der Erythrozyten im Gefäßsystem
- z.B.: bei mechanischer Schädigung oder Komplementaktivierung
Patophysiologie
- Erythrozytenschädigung
- vorzeitiger Abbau
- vermehrte Bilirubinbildung
- kompensatorische Erythropoese -> ↑ Retikulozyten
Einteilung der Ursachen:
– intrinsische Ursache
- Membrandefekte, Enzymdefekte oder Hämoglobinopathien
– extrinsische Ursache
- immunologisch, mechanisch, toxisch oder infektiös
Klinische Symptome
- Müduigkeit
- Blässe
- Dyspnoe
– hämolysespezifisch:
- Ikterus
- Dunkler Urin
- Splenomegalie
Klinische Parameter
Tabelle
Blutausstrich bei hämolytischer Anämie
- Polychromasie
- Sphärozyten
- Fragmentozyten (Schistozyten)
- Sichelzellen
- Traget-Zellen
Spezialfall AIHA – Autoimmunhämolytische Anämie
- Antikörper gegen eigene Erythrozyten
Labor:
- Retikulozytose
- Sphärozytose
- positiver Coombs-Test
- Kugelzellanämie (hereditäre Sphärozytose)
> Membrandefekt, Sphärozyten & MCHC ↑
- Enyzmdefekte (z.B. G6PD-Mangel)